In Gelsenkirchen sehen wir immer wieder, dass Altlasten aus dem Bergbau die Statik beeinflussen. Die Stadt liegt mitten im Ruhrgebiet, mit 260.000 Einwohnern auf einem Gebiet, das jahrzehntelang vom Steinkohlenbergbau geprägt wurde. Das hat den Untergrund nachhaltig verändert. Tagesbrüche, Hohlräume und ungleichmäßige Setzungen sind hier keine Seltenheit. Wer eine Stützwand plant, muss diese Faktoren von Anfang an in der Bemessung berücksichtigen. Unsere Arbeit beginnt deshalb nie am Schreibtisch, sondern mit der Frage: Was liegt unter der Baugrube? Ohne ein belastbares Bodengutachten ist jede Stützwand in Gelsenkirchen ein Risiko. Gerade bei wechselhaften Böden aus Auffüllungen und Emschermergel empfehlen wir oft, die Baugrunderkundung mit einem Sondierung mittels CPT zu ergänzen, bevor die Wandhöhe festgelegt wird.
Eine Stützwand in Gelsenkirchen zu bemessen heißt, den Bergbau unter der Baugrube mitzudenken.
Vorgehen und Leistungsumfang
Zwischen der nördlichen Emscherniederung und den südlichen Höhenlagen variiert der Baugrund in Gelsenkirchen extrem. Im Norden dominieren sandig-kiesige Flussablagerungen, während im Süden oft schon in geringer Tiefe der steife Emschermergel ansteht. Dieser Mergel ist tückisch: an der Luft härtet er aus, bei Wasserzutritt quillt er. Eine Winkelstützwand in Buer verhält sich statisch völlig anders als eine Schwergewichtswand in Horst. Wir unterscheiden in der Bemessung streng zwischen aktivem Erddruck, der sich aus dem anstehenden Bodenaufbau ergibt, und dem passiven Widerstand vor dem Wandfuß. Die Kohäsion des Mergels kann rechnerisch angesetzt werden, aber nur solange die Entwässerung funktioniert. Ein verstopftes Drainagerohr, und der Bemessungsansatz bricht zusammen. Deshalb planen wir Filterkörper und Kontrollschächte immer mit redundanter Sicherheit. In aufgefüllten Bereichen, wie sie entlang der ehemaligen Zechenstandorte häufig sind, ist der Ansatz von Bodeneigengewicht und Reibungswinkel besonders kritisch zu hinterfragen. Hier reichen Standardwerte aus Tabellen oft nicht aus.
Lokaler geotechnischer Kontext
Die DIN EN 1997-1 in Verbindung mit DIN 1054 verlangt für Gelsenkirchen eine tiefgründige Risikoanalyse. Der Grund sind Bergsenkungen, die das Ruhrgebiet in Senkungskategorie 3 einstufen. Eine Stützwand kann hier nicht einfach auf einem homogenen Baugrundmodell bemessen werden. Wir rechnen mit dem Grenzzustand GEO-2: Grundbruch und Gleiten unter der Annahme, dass sich der Boden unter der Wand noch bewegt. Der Wandfuß muss so dimensioniert sein, dass er einen Tagesbruch von 0,5 Metern überbrücken kann, ohne dass die Wand kippt. Das erhöht die erforderliche Einbindetiefe und die Bewehrungsgrade deutlich. Ein weiteres unterschätztes Risiko in der Emscherzone ist die hydrologische Dynamik nach Starkregen. Die Kanalisation ist auf dem Weg zur Emscher oft überlastet, Wasser staut sich hinter der Wand und verzehnfacht den Erddruck, wenn die Drainage nicht auf diese Extremsituation bemessen wurde.
Referenznormen
DIN EN 1997-1:2014-03 – Eurocode 7: Entwurf, Berechnung und Bemessung in der Geotechnik, DIN 1054:2021-04 – Baugrund – Sicherheitsnachweise im Erd- und Grundbau, DIN 4085:2017-08 – Baugrund – Berechnung des Erddrucks, DIN EN 1998-5:2010-12 – Eurocode 8: Gründungen, Stützbauwerke und geotechnische Aspekte, DIN 4095:1990-06 – Dränung zum Schutz baulicher Anlagen